SARAH ESSER.............................................Doppelleibigkeit

Ausstellung I 02. Dezember 2016 bis 28. Januar 2017

Laudatio von Michael Hametner auf Sarah Esser

vorgetragen am 02. Dezember 2016 zur Eröffnung der Personalausstellung der Künstlerin in der Galerie Koenitz

Ich freue mich, Sarah Esser und ihren Arbeiten begegnet zu sein. Ich wünschte mir, Sie sagten dies am Ende dieses Abends von sich auch. Es lohnt sich. Ihre Plastiken aus gebranntem Ton, aus Gips oder aus Bronze zeigen – mit einer Ausnahme: das ist es ein Hund – Menschen. Die menschliche Figur ist ihr Arbeitsfeld. Ihr Thema ist anders zu beschreiben. Dazu später. Dass die menschliche Figur bei ihr öfter der Mann ist als die Frau, versteht sich – die Frau schafft sich den Mann. Das ist nicht beziehungstechnisch gemeint, sondern prinzipiell auch im Sinne des Titels dieser Ausstellung: DOPPELLEIBIGKEIT. Ich werde das Wort DOPPELLEIBIGKEIT noch ein wenig umschleichen, bis ich es zu öffnen versuche.

Vor meinem Blick auf einige ihrer Arbeiten – ein Blick auf die Künstlerin. Sie ist Jahrgang 1977 und ausgerechnet in der Stadt geboren, die in Deutschland für Plastik und Skulptur steht: in Münster, wo sich alle zehn Jahre Münster mit Bildhauerkunst schmückt. - 1997 schon beginnt Sarah ein Studium der Kunstgeschichte und Archäologie an der Srbonne in Paris, wird in die Klasse des Bildhauers Charles Auffret aufgenommen und wechselt die Seite: von der Kunsterklärerin und Kunstmacherin. Schon 1999 wird sie nach bestandener Prüfung an die Ecole Seperieure des Baux-Arts aufgenommen. Internationale Studien schließen sich an. Erst 2003 kehrt sie nach Berlin zurück. Macht hier ihr Diplom, wir Meisterschülerin bei Prof. Berndt Wilde. Schon 2009 hat sie selbst einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Berlin, ab 2012 auch in Paris, wo sie lebt: in Paris und Berlin.

"Felice", Bronze, H. 44 cm, 2003     

"Hachnissini", Stuck, Edition 1/5, H. 54 cm, 2005  

"Bursa", Bronze, H. 41 cm, 2005

Lassen Sie uns zuerst auf einzelne Arbeiten schauen.

Wo anfangen?


Dass die Plastiken, die wir sehen, fast alle allansichtig sind. Wir haben Vorderansicht, wir haben Rücken und Seiten. Wir müssen unseren gewohnten Blick als Bilderbetrachter ausschalten und jenen aufsetzen, den Plastiken wollen: wir gehen auf eine Plastik zu in der Erwartung, einen Körper zu spüren: ein Volumen, nicht aus Fleisch, aber auch nicht aus Gips, Ton oder Bronze. Sondern einen Körper. Diesen Körper spüren zu können, ist ein besonderes Erlebnis, was Sie bei der langsamen Annäherung spüren. - Es sind menschliche Körper und wir begegnen in diesem Raum Gefährten von Sarah Esser: ihren Freunden, nahen und fernen, flüchtigen und vertrauten, welchen mit Namen und anderen ohne.

Sarah Esser hat mal geschrieben, was alle ihre Figuren gemeinsam in einem Raum bedeuten: Das Entstehen einer Fabel von all dem, dessen Menschen fähig sind. - Wessen sind sie fähig: der Liebe. Dass sie zu anderem auch fähig sind, wissen wir – ich erspare die Aufzählung. Nenne nur den Terror in Paris im November vergangenen Jahres. Dieser Terror in Paris hat Sarah Esser besonders tief in die Haut geschnitten, weil Paris Stadt ihres zweiten Lebens oder ihres ersten ist: ihrer ganz persönlichen DOPPELLEIBIGKEIT. - Dieser kleine rötliche Kopf: der ausschaut, als könne er sich gerade mal soeben über Wasser halten, hat mit den Ereignissen in Paris zu tun: er gehört einem Menschen, dessen geöffneter Mund Schrei ist und Gähnen zugleich. Nicht sicher unterscheidbar. - Auch nicht sicher unterscheidbar bei uns: langweilt uns, was um uns herum geschieht, erschreckt es uns, dass wir einen Schrei ausstoßen? Der GÄHNSCHREIER oder im Nebentitel: SPERRANGELWEIT GEÖFFNETES TOR INS KÖRPERINNERE. - GÄHNSCHREIER – gähnen und schreien: wir bedürfen der DOPPELLEIBIGKEIT, denn wir kennen mindestens zwei Rollen für uns im Leben. In diesem Fall: Voyeur und Akteur. Sie könnten auch heißen: Opfer und Täter.


"Gähnschreier", Gebrannter Ton, glasiert, 1/5, 2016

"Narziss taucht wieder auf" , Gebrannter Ton, glasiert, H. 23 cm, 2014 

Und der grüne Kopf: grünlich als wäre er mit Algen überwachsen. Er ist es auch, denn es ist Narziss, der beim verliebten Blick auf sein Spiegelbild ins Wasser gestürzt ist: vor zehn Jahren, vor hundert Jahren, in der fernen Zeit der großen Mythen, weshalb er von Algen bewachsen ist. - Das Grün ist keine Bemalung, es ist eine Beigabe: dem Ton beigegeben, dass es ein Gemeinsames werden kann. - Es lohnt bei Sarah Esser die Farben ihres Materials zu betrachten – nichts ist durch Bemalung entstanden, alles durch fast alchemistische Beimischungen zu Ton und Gips.

Dann HOMLESS (obdachlos): der Sitzende mit dem intensiv gespannten Rücken: Ausdruck für die gespannteste Lektüre einer Zeitung mit Nachrichten aus der Welt, die ihn, den Obachdachlosen, ausgestoßen hat. Oder: die ihn wieder hinein ruft!

"Homeless", Gebrannter Ton, glasiert, Unikat, H. 56 cm, 2016

Die wunderbaren Büsten: die Frau: TRAUM mit dem Untertitel: In der werdenden Welt ist für unbeteiligte Dritte kein Platz. Gebrannter Ton, glasiert. Das Gesicht mit der leicht gehobenen Nase. Oder: der Mann, gesammelt, konzentriert, wahrscheinlich ein Geistesmensch: Die Büste trägt den Titel: ER SEI NICHT NUR SEIN - SONDERN AUCH WERDEN. - Das wünschen wir nicht nur fremden Männern: sage ich als Mann zur KünstlerIN: das wünschen wir allen: Bitte, nie fertig sein, immer unterwegs, immer Werden: so viel Werden, dass wir uns selbst überraschen!

"Traum - In der werdenden Welt ist für unbeteiligte Dritte kein Platz", Gebrannter Ton, glasiert, 1/5, H. 36 cm, 2016

Eines meiner Lieblingsobjekte in dieser Ausstellung: Melencholia I. Nach Albrecht Dürers Meisterstich: der Mensch, der bei Dürer halb Mensch, halb Engel ist, ist bei Sarah Esser wieder Mensch, einer von uns: wir selbst. Die Figur hockend mit weit aufgestellten Knien, die plötzlich die Architektur der gebauten Figur erkennen lassen: genau ausbalanciert, das Dreieck von Beine und Rock als Fläche. Das Besondere: die Emaillieglasur blüht als ein Netz von Adern und Kapillaren. - Unbedingt lange aus der Nähe sehen! - Und Melencholia II: der Hund, ebenfalls nach Dürers Meisterstich: eingerollt, halb Ruhe und Schlaf, halb Wächter für seinen Herrn.

"Melencolia I", Gebrannter Ton, emailliert, H. 87 cm, 2015

Jetzt ist Anlauf genommen für die Doppelfigur, die dieser Ausstellung den Titel gibt: DOPPELLEIBIGKEIT: DER TOD ALS NARR. Eine Figur, die sich mit dem Rücken an eine zweite schmiegt. Die Frau steht vor dem Mann, dahinter: der Mann – der Tod? Sind es wirklich zwei Figuren? An den Schultern scheinen sie zusammengewachsen, an Rücken und Bauch möglicherweise auch? Steht nicht der Tod immer hinter uns? Steckt er nicht in uns, in unserem Leib seit der Stunde unserer Geburt: Doppelleibigkeit.

In dem Begriff Doppelleibigkeit steckt das Konzept für die Weltbetrachtung der Künstlerin. Es fiel mir schon an ihren Figuren auf, dass sie nicht Posen des Alltags nachahmt. Ihre Figuren, mögen sie Vorbilder, vielfach gezeichnet, oder Modelle, in langer Stunden Sitzungen, gehabt haben, sind Stücke, gewachsen in ihren Händen und aus ihren Fingern. Sarah Esser baut die Figuren oder gießt die Formen. Sie werden ein Gegenüber: Freund, Gefährt, Mitreisender.

Wo steckt in ihren Arbeiten übergreifend der Begriff Doppelleibigkeit? Am Ende ist es Sarah Essers weiblicher Begriff für Dialektik. Ich zitiere aus einem Essay der Schriftstellerin und Freundin Annette Pas über Sarah Esser: Wir leben von einer sehr von Descartes geprägten Welt. Ich denke, also bin ich, und wir trennen Geist und Körper, Inhalt und Stil, figurativ und abstrakt. Als wenn dies Dinge wären, die wirklich existieren, separat, in zwei verschiedenen Welten, die sich in keiner Weise überlappen. Doch all diese Dinge sind nichts weiter als die Kehrseite ein und derselben Münze. - Soweit das Zitat von Annette Pas. Darin begründet der Gedanke: der Dialektik, der Doppelleibigkeit.

"Doppelleibigkeit - Der Tod als Narr", Gebrannter Ton, H. 75 cm, 2016 

Ich fragte Sarah Esser nach ihrem Bewußtsein als KünstlerIN, als BildhauerIN, als Frau in der Kunst. - Kein ausgeprägt weibliches, sagte sie mir. Und fügte dann lachend hinzu, was ich schon gesagt habe: Immer wenn meine männlichen Kollegen weibliche Figuren modellieren, ist es bei mir ein Mann. - Nein, ich glaube, die hochreflektierte Frau (die ja beinah mal Kunstgeschichte studiert hätte und dieses Studium auch begonnen hat) hat hier etwas zurückgehalten, weil ihr mit meiner Frage schon schwante, dass ich jetzt ein Etikett an ihr Werk mache: Achtung, weiblich! - Nein, das hätte ich natürlich nicht. Ich will verstehen! Die Nachforschungen über Weibliches Schreiben haben ihren Höhepunkt hinter sich: in den 70er und 80er Jahren, als beispielsweise Christa Wolf ihre KASSANDRA und später ihre MEDEA schrieb und alle Literaturwissenschaftlerinnen und Leserinnen das auch so interpretierten, als Weibliches Schreiben. - Was sie herausgefunden haben? Es gibt mehr als einen Geschlechter-Unterschied. Beispielsweise der Unterschied in den männlichen und weiblichen Denkbewegungen. Der männliche Denkstil ist geprägt vom Entweder-Oder und der weibliche? Vielleicht vom Sowohl-als-auch. - Doppelleibigkeit: die Frau und der Mann: Eros und Tanathos: Liebe und Tod. In der Kunst muss sich nichts festlegen: es muss angelegt sein. An-legen und nicht fest-legen. Das vermag Sarah Esser: Die Dinge des Lebens zu sehen in ihrem Spiel des Sowohl-als-auch!

Sarah Esser weist mir in einer Mail auf eine für sie wichtige Quelle hin: Michail Bachtins Essay RABELAIS UND SEINE WELT. Bachtin wird nach seiner Wiederentdeckung in den 60er Jahren als großer Literaturtheoretiker gelesen und Sarah Esser hat seine Darstellung von Rableais gelesen, nein, sehe ich auf die mit Unterstreichungen und Anstreichungen übersähten Seiten, dann hat sie Bachtin eingeatmet. Rabelais, der französische Theologe und Schriftsteller, der Zeitgenosse Luthers, der aus dem Ernst der Renaissance einen großen Akt der Freude und eine wunderbare Komödie mit zwei Riesen gemacht hat. Jetzt kommt zu Rablais und Bachtin noch ein Dritter ins Spiel, nämlich Friedrich Dürrenmatt. Der hat die Komödie definiert als die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann. Ihre schlimmstmögliche Wendung ist die Wendung in die Komödie. - Hier: bei Rabelais, Bachtin und Dürrenmatt steckt ein Stück des Geists der Figuren von Sarah Esser. Sofort fällt mir Bachtins Satz über Rabelais ein: Die Doppelleibigkeit wird bei ihm zum historischen Nebeneinander zweier Welten, zur Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft, in einem gemeinsamen Akt, dem Tod des Alten und der Geburt des Neuen, im gemeinsamen Motiv der zutiefst komischen, werdenden und sich erneuernden historischen Welt. - Diese Doppelleibigkeit führt uns Sarah Esser vor in einer Doppelfigur, die vielleicht gar keine Doppelfigur ist.Mit gefällt sehr, dass anstelle einer Nachahmung der Natur das bildhauersiche Prinzip des Bauens von ARTEFAKTEN bei ihr stattfindet. Und dass dieses Schaffen von ARTEFAKTEN, also Kunstwerken, untersetzt ist mit einem mir sehr einleuchtenden Weltbild von der DOPPELLEIBIGKEIT. Ich muss nicht von Philosophie reden, zumal alles Geistige bei ihr Figur wird, Geste wird, Körper wird. Das pulverisiert jegliche Philsophie.

Es gibt zwei große Bildhauer und Plastiker, die ich gern in Beziehung setzen möchte zu Sarah Esser. Weder belegt mit dem Begriff Vorbild noch mit einem Versuch qualitativer Entsprechung. Sie kennen das aus der Literaturkritik: N.N.s neuer Roman erinnert stilistisch an Franz Kafka. - Oh ja! Dann möchte man das Buch nicht mehr lesen, um sich Franz Kafka nicht verderben zu lassen.

Die beiden Namen, die ich hier als Ahnen, als Geländer für das Werk von Sarah Esser nennen möchte: sind Auguste Rodin und Wilhelm Lehmbruck. Beide stehen übersetzt in das Rancing der Bildenden Kunst auf Kafka-Ebene, deshalb ist meine Vorsicht angebracht. Ein Satz von Wilhelm Lehmbruck (den Sarah Esser bereits überlebt hat) hat mich übrigens mehr als einmal davor bewahrt, im Fach der Literaturkritik und der Kunstbetrachtung schon in Zeiten der DDR (aber heute wieder) nicht dem Inhaltismus zum Opfer zu fallen, der reinen Interpretation des Erzählten. Es ist Lehmbrucks berühmter Satz: „Alle Kunst ist Maß. Maß gegen Maß.“ Damit meint er das Ur-Credo des Plastikers, der weiß, dass Proportionen den Eindruck bestimmen, die Wirkung, den körperlichen Ausdruck. Hierin ist Sarah Esser eine Schülerin Lehmbrucks, zumindest mache ich sie in diesem Moment dazu. Denn entdecken und genießen Sie nach welcher eindrucksvollen Architektur sie ihre Figuren baut: Sie fügt Flächen und Linien zur rhythmischen Form. Wo bei ihr die Oberfläche Körperhaut ist, bekommt sie nach August Rodins Art den Rhythmus größter Unruhe. Sie wird durch eine unendliche Zerklüftung und dem Rodinschen Arbeitsprinzip des Non-finito zu einem großen und vielfach geflickten Segel, aufgespannt als Riesen-Netz um das männliche Entweder-oder dieser Welt einzufangen und einzutauschen in ein weibliches Sowohl-als-auch dieser Welt!Im Werk von Sarah Esser, für das ich Ihnen die Tür öffnen wollte, finden Sie einen originären Welt- wie Kunstzugang, sie finden die Liebe desjenigen, der Geschöpfe in die Welt entläßt, sie finden den Blick der Straße eingefangen in der spontan gebauten Figur, sie finden den grotesken Humor einer Zeit, die wider Willen Komödie ist.

Glückwunsch an die Künstlerin – aber auch an die Galeristin Nadja Kliche, die für uns Sarah Esser entdeckt und in ihre Räume geholt hat.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Michael Hametner. 

Wir sind zu Dank verpflichtet.

Blick in die Ausstellung zum Eröffnungsabend