Bär | Begierde| Frenzel | Herzau | Heyder | Minkewitz | Richter | Steier | Wagenbrett | Zöffzig ........................................................................... BEGIERDE

Ausstellung I 30. Januar bis 14. März 2015

Pressestimmen

Musenblätter - Das unabhängige Kulturmagazin
Prof. Rainer K. Wick // 05.03.2015

Daß in einer hochgradig sexualisierten Gesellschaft und in Zeiten der millionenfachen Verbreitung des dreibändigen erotischen Kultromans „Shades of Grey“ (dessen Verfilmung gerade in den Kinos angelaufen ist) eine Kunstgalerie auf die Idee kommt, eine Ausstellung unter dem reißerischen Titel „Begierde“ zu annoncieren, ist nicht sonderlich erstaunlich. In zentraler Lage Leipzigs, nur ein paar Schritte vom Markt und der legendären Thomaskirche entfernt, zeigt die Galerie Koenitz derzeit eine Gruppenausstellung mit Arbeiten von neun Künstlern und einer Künstlerin, die – so der Lockruf – inhaltlich um das Phänomen der Begierde kreisen. Reflexartig assoziiert man Begriffe wie Leidenschaft und Lust, Sinnlichkeit und Trieb, Libido und Liebesverlangen, und spontan kommt es zu einer Erwartungshaltung, die sich maßgeblich aus erotischen Phantasien speist.Nun sieht man in der Galerie Koenitz zwar eine Menge nackter Haut, hinsichtlich der Darstellung des Begehrens oder gar der Begierde geht es aber doch recht dezent zu. So ist es bezeichnend, daß die Kunsthistorikerin Christine Dorothea Hölzig in ihrer Laudatio anläßlich der gut besuchten Eröffnung sehr allgemein und eher ausweichend von „sichtbar gemachten Zuständen“ sprach, „die von der Würde des Menschen und dem Reichtum seines Wesens künden“. Bei dem Gros der präsentierten Arbeiten handelt es sich um Aktbilder, die in unterschiedlichsten Ausformulierungen den männlichen Blick auf den weiblichen Körper zeigen, während der Mann als „Objekt der Begierde“ so gut wie keine Rolle spielt, andeutungsweise allenfalls bei Barbara Burck, der einzigen Frau unter den ausstellenden Künstlern. Ohne die Kunstgeschichte gegen den Strich zu bürsten, werden hier weitgehend tradierte Sehweisen perpetuiert und historische Rollenbilder zementiert, was nicht bedeutet, daß dem Besucher keine qualitätvolle Malerei geboten würde. Im Gegenteil. Gemeinsam ist den ausstellenden Künstlern Alex Bär, Barbara Burck, Sebastian Herzau, Jost Heyder, Reinhard Minkewitz, Günter Richter, Matthias Steier, Norbert Wagenbrett und Robin Zöffzig eine fundierte künstlerische Ausbildung an den prominentesten Lehrinstituten der früheren DDR, in erster Linie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, aber auch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle und an der Kunstakademie in Dresden. Vor allem in Leipzig wurde zu DDR-Zeiten auf hohem Niveau eine gegenständlich-figurative Kunst kultiviert, für die souveränes handwerkliches Können eine Selbstverständlichkeit war. Namhafte Protagonisten dieser seit den 1970er/80er Jahren auch international erfolgreichen sogenannten Leipziger Schule waren Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, gefolgt etwa von deren Schülern Arno Rink oder Wolfgang Peuker. In der Tradition der ursprünglichen Leipziger Schule hat sich seit gut zehn Jahren auch die nächste Malergeneration etabliert. Sie firmiert unter dem Sammelbegriff „Neue Leipziger Schule“, ihre Galionsfigur heißt Neo Rauch. In stilistischer Hinsicht lassen sich weder die Leipziger Schule der Gründungsväter noch die Neue Leipziger Schule auf einen Nenner bringen. Zu unterscheiden sind – so der Kunsthistoriker Lothar Lang – zwei Haupttendenzen, eine „expressiv-leidenschaftliche“, für die etwa Bernhard Heisig steht, und eine „formstrenge, dingpräzise, nüchtern-sachliche“. Dabei sind innerhalb der zweiten Richtung nochmals zwei divergierende Positionen erkennbar, die eine anknüpfend an der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre (Mattheuer), die andere die altmeisterliche Tradition der deutschen Renaissance und des italienischen Manierismus aufgreifend (Tübke), teilweise mit surrealen Einschlägen. Dieses stilistische Spektrum findet sich auch in der aktuellen Themenausstellung der Galerie Koenitz. Jost Heyders brillant gemalte, in kontrolliert-nervöser Manier  niedergeschriebene Frauenakte, etwa „Der blaue Mantel“ von 2014, sind trotz ihrer kühlen Farbigkeit eher dem „expressiven Flügel“ zuzurechnen und zeugen von der Leidenschaft eines Vollblutmalers. Dagegen bedient sich Norbert Wagenbrett der Stilmittel des neusachlichen Verismus, beispielsweise in seinem Gemälde mit dem anspielungsreichen Titel „Jagdtrophäe“ (2014), das eine Nackte mit üppigen Brüsten zeigt, die vor einem loderndem Kaminfeuer mit darüber hängender Flinte sitzt. Robin Zöffzigs in diesem Jahr entstandene, ein Stofftier kuschelnde nackte „Kauernde“ läßt sich in seiner glatten Malweise ebenfalls der neoveristischen Richtung zuordnen, während Matthias Steiers „Krebsfrau XVII“ aus dem Jahr 2010 ganz in der Tradition des Surrealismus bzw. der sog. Phantastischen Malerei steht. Der Schweizer Alex Bär, der in den Jahren 1998 bis 2002 in Leipzig bei Arno Rink und dessen damaligen Assistenten Neo Rauch Malerei studiert hat, zeigt in seinem streng gefügten, flächig gegliederten Bild „Mit rosarotem Muster“ von 2011 eine sitzende Frauenfigur mit auffällig kleinem Kopf, mächtigem Gesäß und massiven Schenkeln, die entfernt an prähistorische Fruchtbarkeitsidole erinnert. Während sieben der zehn in der Galerie Koenitz ausstellenden Künstler über den Stallgeruch der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst verfügen, ist der 1938 geborene und bereits 2004 verstorbene Roland Frenzel der Einzige, der keine formale Ausbildung als Maler erfahren hat. Obwohl Autodidakt, der künstlerisch eher Abstand zur Leipziger Schule hielt und sich gegenüber den Ansprüchen des Sozialistischen Realismus als resistent erwies, fand er schon früh seinen Platz in der Leipziger Kunstszene. Mag sein, daß sein dem Expressionismus nahestehendes, das Groteske streifende Aktbild „Begierde“ aus dem Jahr 1972 für die aktuelle Ausstellung in der Galerie Koenitz titelgebend gewesen ist, auf jeden Fall belegt es die Sonderstellung des Künstlers im Kunstgeschehen der ehemaligen DDR und ruft in Erinnerung, daß die Kunstszene im Osten Deutschlands wesentlich pluralistischer gewesen ist, als sie westlich von Mauer und Stacheldraht wahrgenommen wurde.