THOMAS RANFT........................................Kopflandschaften

Ausstellung I 07. Oktober bis 26. November 2016

Einführung Brigitta Mildes zum Werk Thomas Ranfts

vorgetragen am 7. Oktober 2016 zur Eröffnung der Personalausstellung des Künstlers in der Galerie Koenitz

Der Zeichner und Grafiker Thomas Ranft ist ein Meister der subtilen Form. Fantastische Bildfindungen bringt er mit Grafit- und Silberstift auf Papier oder graviert sie in die Metallplatte. So spielerisch, beinahe traumwandlerisch er seine Motivwelt entdeckt, so zielstrebig und hartnäckig arbeitet er an ihrer technischen Umsetzung. Er beherrscht die handwerklichen Fertigkeiten und Kniffe der Radierkunst und begreift die Grafik als Zusammenspiel von Intuition und Perfektion. Auch seine Zeichnungen sind altmeisterliche Bravourstücke in zeitgenössischem Gewand und verbinden Spontaneität und Automatismen mit Formstrenge und Kalkül. Eigentlich muss man Thomas Ranft seinem Publikum nicht erst vorstellen – als Künstler wie als Netzwerker ist hinlänglich bekannt, noch dazu in Sachsen, gar in Leipzig, wo er seine künstlerische Laufbahn vor 45 Jahren begann.

"Der Berg", Radierung, 1975

Thomas Ranft hat bis 1972 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert und dort unter anderem Gregor-Torsten Schade/Kozik und Dagmar Schinke kennengelernt. Von 1966 bis 1973 hatte der Schriftkünstler Albert Kapr der Hochschule als Rektor vorgestanden und dem Streit um die Parteilichkeit einer sozialistischen Gegenwartskunst, der sich damals noch an den Bildern Heisigs oder Tübkes entzündete, zumindest vordergründig die Angriffsfläche entzogen. Das Klima war jedenfalls rau, auch innerhalb der Hochschule, aber Thomas Ranft hatte das glückliche Naturell, die ideologischen Schranken nicht nur ignorieren zu können, sondern sie komplett zu übersehen. Ihn faszinierten Dada und Surrealismus, die Wiener Schule des Phantastischen Realismus und Fluxus. Mit einer voraussetzungslosen Selbstverständlichkeit beschäftigte er sich mit dem, was ihn interessierte: mit automatistischen Produktionsverfahren, der Einbeziehung des Zufalls, mit der Verbindung von Bild, Zeichen und Geste. Er schrieb zeitgleich Lyrik und Traumnotizen, die nicht weniger vom Halbbewussten beeinflusst waren als seine Bildfindungen. Zwei Kladden mit eigenen Texten, die seit 1970 entstanden, dienen Thomas Ranft bis heute als Ausgangsmaterial. In Abständen greift er auf Formulierungen oder Passagen daraus zurück und verwendet sie als Blatt- oder Mappentitel (wie beispielsweise „Der Narr und seine Wunden“ für eine Folge von 13 Kaltnadelradierungen 1989).

"Verborgen im Schatten", Ätzradierung, 1989/2012

Auch erste Lautgedichte in der Nachfolge des Dadaismus datieren in seine Studienzeit. Die altmeisterliche Tiefdruckkunst von Martin Schongauer über den Meister E.S. bis zu Albrecht Dürer und die fantastischen Bildfindungen in Stichen nach Hieronymus Bosch haben ihn tief – vorübergehend zuweilen sogar stilistisch – beeinflusst und sind ihm zeitlebens beispielhaft geblieben. „Reichsdrucke“ von Martin Schongauer und Albrecht Dürer hängen noch heute im Atelier des Künstlers. Gegen Ende seines Studiums, als der sozialistische Realismus unumgänglich schien, um einen Studienabschluss zu erhalten, wechselte Thomas Ranft in die Plakatklasse. Dort konnte er jene Verbindung von Bild und Schrift, die ihn auch zuvor schon beschäftigt hatte, zum offiziellen Thema erheben. Als Diplomarbeit legte er eine Folge von Aquatintaradierungen zu Gedichten von Alexander Block vor. Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums übersiedelte Thomas Ranft mit seiner damaligen Frau Dagmar Ranft-Schinke nach Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), wo er Michael Morgner kennenlernte und wohin Gregor-Torsten Schade/Kozik folgte.
Natürlich hatte Ranft schon in Leipzig „den Drang“, wie er es selbst nennt, sich mit Freunden zusammenzuschließen, woran sich durch die Verlegung des Wohnortes nichts änderte. Kaum das Haus im poetisch klingenden „Wiesengrund“ bezogen, hob Ranft mit Lutz Dammbeck, Gil Schlesinger, Günther Huniat, Gregor-Torsten Schade/später Kozik und Michael Morgner die Gruppe „Sinngrün“ aus der Taufe, die über ein gemeinsames Mappenwerk jedoch nicht hinaus kam. Dass Karl-Marx-Stadt damals den Ruf einer kulturellen Provinz hatte, berührte Thomas Ranft nicht. Da, wo er war, war die Mitte, und mit einem anderen Anspruch als dem des Vorreiters trat er seine Laufbahn nicht an. Er hat Recht behalten, denn in wenigen Jahren schafften er und seine Künstlerfreunde vor Ort es, Karl-Marx-Stadt aus der Randlage zu führen und ihm den Ruf eines hoch kreativen, unangepassten Kunstraumes zu verschaffen. Nicht nur die inzwischen legendäre Künstlergruppe Clara Mosch, in der mitzuarbeiten Thomas Ranft neben den genannten Künstlerfreunden Ranft-Schinke, Schade/Kozik und Morgner auch Carlfriedrich Claus gewinnen konnte, sondern auch die Galerie Oben, die Plein Airs republikweit, die Künstlerfeste und Fußballspiele, die Kooperationen mit den Leipziger, Berliner und Dresdner Künstlerfreunden und mit der Galerie Arkade in Berlin haben Kunstgeschichte geschrieben. Thomas Ranft fungierte oft als Ideengeber und steckte während der Umsetzung der Projekte immer mitten im Geschehen. All diese Aktivitäten hinderten nicht, sondern flossen ein in seine Kunst. Denn wiewohl Thomas Ranft selbstlos Projekte anderer unterstützte – so druckte er 1976/77 die „Aurora“-Mappe für Carlfriedrich Claus und 1987 bis 1989 die „Schnepfentaler Suite“ für Gerhard Altenbourg – wiewohl er also für andere einsprang, verlor er seine eigenen Intentionen nie aus dem Blick. Thomas Ranft ist ein Spieler, dem Inspirationen zufallen, der eine künstlerische Idee aus der anderen entwickelt. Aber er ist auch der unermüdliche Arbeiter, der Tag für Tag morgens halb 8 sein Atelier aufschließt und tätig wird.

"Sprachdenken (für C.C.)", Farbradierung, 2012

Der Titel „Kopflandschaften“, unter dem seine hiesige Ausstellung steht, sagt etwas über dieses Zusammenspiel von genialischer Leichtigkeit und diszipliniertem Tun, ohne das vielleicht große Kunst überhaupt nur schwer entsteht. Die gleichnamige Farbradierung von 1994, von 2 Platten gedruckt, kombiniert geometrische und biomorphe Formen in einer Weise, die Wachstum und Welken, Aufstrebendes und Zurücksinkendes, Helles, Farbiges und Dunkles in einem sinnstiftenden Zusammenhang zeigt. Insgesamt präsentiert die Galerie Koenitz Radierungen, Zeichnungen und überzeichnete Radierungen aus mehr als 25 Jahren, die die Kontinuität und Dichte dieses Oeuvres offenbaren. Die „Große Landschaft“, eine frühe Radierung im kapitalen Format von 50 mal 64 Zentimetern, stammt aus dem Jahr 1977 und zeigt noch Anzeichen einer phantastischen Figuration, die später zugunsten abstrakter Strukturen aufgegeben worden ist. Schon in diesem frühen Blatt überzeugt nicht nur die technische Raffinesse, sondern auch der hintergründige Gehalt der subtilen Linien- und Formgespinste.

"Die große Landschaft", Radierung, 1972-1976   

Lektüreerlebnisse, philosophische Spekulationen und die Beschäftigung mit dem Werk anderer Künstler bilden den fruchtbaren Boden, auf dem das Oeuvre von Thomas Ranft gedeiht. Vier Zeichnungen widmet der Künstler dem Altmeister Cy Twombly, der sich seinerseits ebenfalls von Kulturerlebnissen – nicht zuletzt aus dem antiken Mittelmeerraum – hat inspirieren lassen.

"Verstecktes Spiel", Bleistift, Farbstift über Kaltnadelradierung, 1990

An etwas in der Art eines Palimpsests erinnern auch die überzeichneten Radierungen Thomas Ranfts. Palimpseste sind eigentlich mittelalterliche Pergamente, von denen, um das kostbare Material zu sparen, ältere Texte abgeschabt wurden, um sie erneut zu beschreiben und zu überschreiben. Denn fast immer sind Reste des älteren Textes so weit vorhanden, dass sie als geheimnisvolle Information in den aktuellen Satzbau hinein strahlen. Nicht anders verhält es sich bei den überzeichneten Druckgrafiken „Bewegter Stillstand“, „Kreiszeichen“, „Besessenheit“ oder „Verstecktes Spiel“. Probedrucke von Radierungen wurden für Thomas Ranft zum Ausgangsmaterial für weitertreibende Formfindungen. Der Stift reagiert halbautomatisch auf das vorhandene Bild, überzeichnet es, löscht es aus oder fabuliert an seinen Formen weiter, als wuchern Mikroorganismen oder Kristalle. Die Zeichnungen bieten andere Bildlösungen, als es die Druckgrafik tat. Bei der Überarbeitung des Blattes „Besessenheit“ aus der Mappe „Der Narr und seine Wunden“ wurde die Zeichnung ihrerseits zum Auslöser, nun die Radierplatte erneut weiter zu treiben. Die konkrete überarbeitete Radierung – wie andere ältere Platten auch – führten zu einer neuen Mappe mit dem Titel: „Hyperion I“.

Thomas Ranft ist im Laufe seiner Künstlerexistenz mit zahlreichen Mappenwerken hervorgetreten, die eine hohe Wertschätzung bei Sammlern wie Museumsfachleuten genießen. Radierungen von Thomas Ranft ließen und lassen die Sammlerherzen vieler Grafiksammler höher schlagen; seine Druckgrafiken und Handzeichnungen werden in den Grafischen Sammlungen renommierter Museen aufbewahrt. Das Charakteristische seiner Kunst, die Sublimierung des Materials, der spielerische Umgang mit Gestischem, Geschriebenem, Zeichenhaftem, Bildhaftem, hat sich aus dem Studium der Natur, der lebenslangen Beschäftigung mit Kunst und Literatur und dem Austausch mit anderen Künstlerkollegen entwickelt. Mit seinen Handzeichnungen und Druckgrafiken entfaltet Thomas Ranft eine eigenständige, skurril-meisterhafte Kunstform. Ihre Anmut und ihr Hintersinn genießen und verdienen höchste Wertschatzung.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin Brigitta Milde. 

Wir sind zu Dank verpflichtet.