EIKO BORCHERDING.....................................................relikt

 Ausstellung I 12. August bis 01. Oktober 2016

Gedanken zum Werk von Eiko Borcherding von Thomas Staudt 

12. August 2016 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung RELIKT in der Leipziger Galerie Koenitz

Hälse, anmutig gereckt

ein jeder beinah der spiegel seiner selbst

federn in grau, in weiß, in schwarz

so leicht wie starr die dürren, knorrig äste

fisch und frosch, gefangen im wider und gegen

übersät mit dem blassen laich überlauter stille

Ein Wappen für ein unbekanntes Gewässer?


Stockflecken auf fetzen

ausgefranst, nach innen ausgestellt

bewahrend die wunden eines hermetischen gestern

für den moment oder eine ewigkeit, die schon am anfang alle sicherheit verlor

patina auf dem übermut gelebter zeit, eingeschlossen in jedem einzelnen knick

Von Zähnen bewacht, kein Entrinnen duldend!

"Untitled", Bleistift, Pastellkreide auf Papier, Collage, 84 x 64 cm, 2013

   

Das Werk, meine sehr verehrten Damen und Herren, das Werk, das diese Paraphrase einzufangen versucht, haben Sie schon einmal gesehen. Abgebildet ist es auf der Einladungskarte zu dieser Ausstellung. „Relikt“ heißt sie und tatsächlich wirken die Bilder, die sie versammelt, wie Überbleibsel, wie Trophäen, wie die Zeugnisse einer vielleicht nie dagewesenen, aber längst vergangenen und doch seltsam gegenwärtigen Zeit.Das Werk haben Sie schon einmal gesehen. Die Sätze können Sie nicht kennen. Sie können Sie nicht kennen, weil ich sie erfunden habe. Weil ich sie finden musste, um einer anfänglichen, einer begeisterten Sprachlosigkeit Ausdruck zu geben angesichts der Bilder von Eiko Borcherding.Sein Medium ist die Zeichnung, im Weiteren auch die Collage sowie verschiedene reproduktionsgrafische Techniken. Sein Handwerkszeug sind vornehmlich Bleistift, Schere und Papier.Seine Werke kreisen um die Themenkomplexe Natur, Tradition und Brauchtum, vielleicht auch Heimat. Noch viel mehr aber sind es Vergangenheit und Gegenwart, die die Hauptrollen in seinen Werken spielen. Seine Bildgegenstände reichen vom einfachen Tierporträt, über Landschaften und Gewandstudien bis hin zu komplizierten faunistisch-floralen Kompositionen, die er im Bild zu gegenständlich-aufgefassten Wappen, Emblemen, Gebinden oder Stillleben arrangiert.Man muss kein Kenner sein, um auf den ersten Blick zu erfassen, dass da keiner am Werk ist, der suchend mit dem Stift den Gegenstand zu ertasten sucht, korrigiert und sich von Zustand zu Zustand hangelt. Borcherdings Strich ist entschieden, kraftvoll, und immer bewusst gesetzt. Er findet die kostbarsten Formulierungen auch für noch so unbedeutende Binnenstrukturen. Er umreißt den Gegenstand exakt, ohne ihn künstlerisch tot zu definieren. Seine Schöpfungen spielen immer virtuos mit dem Raum des Blattes.All dies kommt nicht von ungefähr. Eine so ausgefeilte Handschrift bedarf eines hohen Maßes an Talent, aber auch einer handfesten handwerklichen Ausbildung. Eiko Borcherding, 1977 im ostfriesischen Aurich geboren, beginnt sein Studium im Jahr 2000 an der Fachhochschule Hannover. Er setzt es ab 2003 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg fort. Seine Schöpfungen erregen schon früh Aufmerksamkeit. 2005 erhält er den 1. Preis der Universität Hamburg im Wettbewerb Kunst am Bau. 2010 folgt ein einjähriges Arbeitsstipendium der Emil-Nolde-Stiftung Seebüll. Ab 2011 wird er für mehrere Jahre Dozent für Handzeichnung an seiner Alma Mater in Hamburg. 2015 feiert er mit zwei Ausstellungsbeteiligungen in den Jack-Fischer Galerien in New York und San Francisco Erfolge. Neben seiner freien künstlerischen Tätigkeit lehrt er aktuell an der Kunsthochschule Kiel.

 

"Untitled", Acryl auf Grafik, Collage, 84 x 66 cm, 2015

Das Zitat von Theodor Fontane scheint mir wie geschaffen, um hinter die Bildwelten von Eiko Borcherding zu blicken.

Alt, im wahrsten Sinne des Wortes, ist der Bildträger. Der Künstler verwendet für seine Werke historische Papiere: Kontobücher, handschriftliche Briefe in Sütterlin, vergilbte Seiten aus Büchern oder Heften, Papiere mit Lineatur und den Spuren der Zeit, Buchcover oder gebrauchte Vorsatzpapiere. Aus dem Nachlass von Horst Janssen, der ihm Vorbild und Spiritus Rector wird, erwirbt er ganze Stöße von Papieren. Altmeisterlich ist seine ganz eigene, künstlerische Handschrift, die er mehr als virtuos beherrscht und die den Betrachter sofort in den Bann zieht. Altmeisterlich wirken auch die zahlreichen Chiffren auf die Endlichkeit des Lebens: Schädel und Knochen, tote Tiere. Sie lassen etwa an das Memento mori in den Stillleben der Niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts denken. Der Künstler steigert die Anmutung des Alten, indem er seinen technikfernen Schöpfungen Spuren gelebten Lebens einschreibt. Die Werke von historischen Kostümen aus den letzten Jahren beispielsweise überzieht er mit gezeichneten Knicken, Altersflecken und Rissen.

Neu sind die stilistischen Brüche, mit denen er ein ganz anderes Kapitel in der Wirkung vieler seiner Werke aufschlägt. In den jüngsten Tierporträts aus diesem Jahr klebt er farbige, kleine Punkte, wie sie vielleicht beim Vorgang des Lochens von Papier übrig bleiben, auf die akribisch gezeichnete Darstellung. Andere Zeichnungen zerlegt er in Quadrate oder Rauten, setzt sie neu zusammen und erzielt damit fast abstrakte Vexierbilder, die an das Moirée, wie es beim Übertragen von digitalen Bildern entstehen kann, denken lassen. In einer Serie von grafischen Illustrationen zu Klassikern der Märchenliteratur, mutmaßlich aus dem ausgehenden 19. oder beginnenden 20. Jahrhundert, nimmt er den Schleier des Angestaubten von den Abbildungen, indem er das vorgefundene Bild mit Kompositionen aufgeklebter, teils farbiger Quadrate verpixelt. Er gibt den Illustrationen, aber auch den Erzählungen so die Magie von einst zurück. Vielleicht nimmt er ihnen auch den stets immanenten Schrecken.

Kann der Künstler nicht einfach bei dem bleiben, was er kann wie kaum ein Zweiter, nämlich zeichnen?, mögen Puristen und Verfechter der klassischen Schönliniegkeit in der Kunst angesichts solcher Schöpfungen fragen. Kann er nicht einfach weiter atmosphärisch perfekte Wolkenstudien oder Porträts von Bäumen oder Landschaften auf Buchdeckel und Rückseiten von Landkarten zeichnen?

Die Antwort lautet nein! Der Künstler gibt sie mit den Arbeiten, die er in den letzten Jahren geschaffen hat selbst. Er erweitert durch die Einführung von im weitesten Sinne „modernen“ Elementen in seine altmeisterlichen Zeichnungen nicht nur seine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Er schafft damit auch einen um ein Vielfaches erweiterten Spielraum an Interpretationsmöglichkeiten seiner Bilder. Ob er so eine sich wie heimlich in seine Bildwelten schleichende, brüchig gewordene Gegenwart kritisiert oder die längst überkommenen Ideale der Vergangenheit dekonstruiert oder gar restauriert, mag ein jeder Betrachter für sich entscheiden – ganz unabhängig von der Absicht des Künstlers. 

"Untitled", Collage, 34 x 27 cm, 2016

 "Untitled", Collage, 34 x 27 cm, 2016

"Untitled", Collage, 34 x 27 cm, 2016

Darauf gibt er jedoch, so glaube ich, selbst wichtige Hinweise:Seine konstant altmeisterliche Arbeitsweise, seine Weigerung, sich gängigen Strömungen und Moden zu unterwerfen, und sich damit in gewisser Weise auch den Mechanismen des Kunstmarkts zu entziehen, der Vorrang der künstlerischen Form und der ästhetischen Gestaltung machen ihn gleichsam zu einem späten Vertreter einer Haltung, für die im 19. Jahrhundert der Begriff des „L’art pour l’art“ geprägt wurde. Einer ihrer glühendsten Verfechter war damals Charles Baudelaire. In seinem Hauptwerk, der Gedichtsammlung „Les fleurs du mal“, Die Blumen des Bösen, drückt sich eine Haltung der Welt gegenüber aus, die den Menschen hin- und hergerissen zeigt zwischen den Mächten des Hellen, des Guten und denen des Dunklen. Der Neigung zum Hässlichen und Morbiden, zum Ekelhaften und Bösen stellt Baudelaire das Ideal der Tugend gegenüber.
Eiko Borcherding hat 2006 nicht nur eine Serie von Radierungen zu „Les fleurs du mal“ geschaffen, die beiden Gegenpole finden sich auch sonst vielfach in seinem Werk. Hier treffen „reine“ Landschaften, Wolken- oder Tierstudien auf kopulierende Hasen, Wildschweine, Hühner oder Frösche. In einer seiner „Untitled“ bezeichneten Schöpfungen tropft der Geifer eines Hundes in den unteren Teil eines offenen Menschenschädels. Viele vergleichbar arrangierte Kompositionen aus Tier- und Totenköpfen, mit Gräsern, Früchten, Blüten und Ästen wirken für sich genommen wie eine Paraphrase des Titels der Baudelaireschen Gedichtsammlung, wie „Blumen des Bösen“. Auf einem der Arrangements versteckt sich in einem von weitem harmlos wirkenden Blumenstillleben der aufgerissene Rachen eines Hundes. Am unteren linken und am oberen rechten Bildrand hat der Künstler zwei dicke Anführungszeichen gesetzt, so als wollte er das Bild als direktes Zitat kennzeichnen oder ausdrücken „Lieber Betrachter, nimm‘ das bitte nicht wörtlich. Schau hinter die Oberfläche, die sich dir darbietet!“Vielleicht findet sich dort ein Künstler, ein Neo-Symbolist, der die alte Skepsis gegenüber einer sich verändernden, komplexer werdenden Welt mit Hilfe zeitgenössischer Elemente und einer Formensprache, die schon in der Zeit sehr geläufig war, als diese Einschätzung formuliert wurde, auf eine brandaktuelle Ebene hebt.„When I’m good, I’m very good. But when I’m bad, I’m better”, soll die us-amerikanische Schauspielerin Mae West gesagt haben. Wenn ich gut bin, bin ich sehr gut. Wenn ich böse bin, dann bin ich noch viel besser. Eiko Borcherding ist schlicht genial, wenn sich sein Stift in Wolken oder Landschaften verliert. Wenn er das „Bedenke, dass du sterblich bist“, das Memento mori der Alten zu einem modernen „Memento horroris“, frei übersetzt: Denke daran: Wo Schönheit ist, ist immer auch der Schrecken“, steigert - ist er unübertroffen.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Staudt. 
Wir sind zu Dank verpflichtet.