Baldwin Zettl...................................................Unbestechlich

Ausstellung I 01. April bis 04. Juni 2016

Laudatio von Michael Hametner auf Baldwin Zettl

1. April 2016 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung UNBESTECHLICH in der Leipziger Galerie Koenitz

Baldwin Zettls Kupferstiche sind eine Begegnung mit der Ewigkeit. - Das ist ein starker Satz. Ein zu großer Satz? Man wird sehen.

Die Schau hier in der Galerie Koenitz hat klug zusammengestellt und gemischt. Wir sehen die großen Themenblätter Baldwin Zettls: die Sieben Todsünden aus dem Jahr 2000, den Mond nach Carl Orff aus dem Jahr 2012, Das Weltende für Jakob van Hoddis aus dem Jahr 2014, den Weltvermesser von 2002, die fünf Blätter zu den Sieben Sinnen, Blätter aus den Kupferstichzyklen zu Lessings Drama Die Juden aus dem Vorjahr und Büchners Dantons Tod von 2012.

Das von Carl Orff inspirierte Blatt ist zu einer Welterzählung geworden, die auf ein Märchen der Gebrüder Grimm zurückgeht. Zettl bringt es in seiner Erzählung aufs Blatt: Wie der Mond erst verkauft, dann gestohlen und schließlich von den vier Dieben geviertelt in die Unterwelt verbracht wird, wo er die Toten in Raserei versetzt, bis Petrus den Mond wieder an den Himmel hängt, damit er allen scheine. - Eine ewige Geschichte über den ewigen Versuch, was allen gehört unter einigen wenigen aufzuteilen. - Baldwin Zettl erzählt sie mit der Kupfernadel neu, auf einem einzigen Blatt, wobei die großen Erzählbögen der Geschichte sich ganz wörtlich in der von oben nach unten und links nach rechts gebauten Komposition des Blattes niederschlagen. Am Schluss seiner Augenreise – so er den Glauben an ein gutes Ende nicht verloren hat - muss der Betrachter wieder an den Anfang zurückkehren und kann wie das Kind bei Orff rufen: Er ist wieder da!

Zu Carl Orff „Der Mond“, Kupferstich, 2012

"R.D."  - "Du leugnest die Tugend?" - "Und das Laster.", Blatt 4 entnommen der Grafikfolge von siebzehn Kupferstichen zu "Dantons Tod" von Georg Büchner, 2013

In dem Zyklus zu Lessings Die Juden hat Zettl die sieben Figuren des kleinen Stücks in einprägsame Figurinen gebracht. Hat sich dabei die Geschichte angeeignet, in der sich zwei Ganoven als Juden ausgeben und der richtige Jude in der Geschichte die Diebesbeute seinem Eigentümer zurückgibt. Sehr treffend die Figurinen: über Details entsteht ein charaktervolles Ganzbild. Das Überraschendste, für Sekunden den Atem Nehmende ist Blatt Nummer 8: Zettls Hinzufügung: ICH, JUDE. - Das ist kein Kommentar aus dem schützenden Umfeld des Ateliers, das ist ungeschütztes Bekenntnis vor den Judenschmähern: Nehmt mich, ich bins!


- Auch dies ein Stück Zettl'sche Welterzählung genauso wie sein 17 Kupferstiche umfassender Zyklus nach Büchners DANTONS TOD. Mit so schönen und ergreifenden Blättern, wie dem fortgesetzten Disput der beiden Revolutionäre, als ihre Köpfe schon längst im Korb der Guilloutine liegen. Sie redeten noch, als es schon lange zu spät war. - Oder das wundervolle Blatt 8, das oben ein zum äußersten Schrei geformtes Gesicht zeigt, der Schrei prallt mit ganzer Wucht gegen den Betrachter, und darunter in simultaner Bildgestaltung die nackten Füße der Gehenkten.


Wie Zettl sein Erzählen aus dem bereits Erzählten formt, ist deshalb so groß und so ewig, weil er das schon einmal Erzählte nicht nacherzählt, sondern neu aus seinem Kopf heraus auf dem Kupfer entstehen läßt. Behutsam sind die Bildfindungen angereichert mit dem Bildspeicher des Betrachters von heute. Da gibt es im Büchnerzyklus keine Handschellen mehr, sondern dieses ins Fleisch schneidende Plasteband. - So hat er es schon in seinem FAUST-Zyklus gemacht oder in Brechts DREIGROSCHENOPER.

Der Kupferstich hat seine eigenen Gesetze und die wollen Ewigkeit. Der Kupferstich braucht die Konzentration, von der wir, die wir keine Kupferstecher sind, nur eine Ahnung haben. Beim Kupferstich gibt es kein Ungefähr, es geht nicht, dass eine von zehn Linien stimmt. Jede muss sitzen. Andernfalls ist die Platte verdorben. Wahrscheinlich macht es das, dass der Kupfersteher über die Parabel und die Allegorie ganz von selbst mit der Ewigkeit verbunden ist. Weil sie nur einen bewußt gewählten Ausschnitt aus der Wirklichkeit auf Leinwand und Zeichenblatt bringt, ist alle Kunst irgendwie Gleichnis, aber beim Kupferstich geht es gar nicht anders. Da gibt es kein Ungefähr und kein IRGENDWIE.

Und Zettl wählt ja auch für seine großen Themenblättern keinen Ausschnitt aus der uns vor Augen stehenden Wirklichkeit, sondern wendet sich vielfach der Literatur zu, in der Wirklichkeit bereits vor-geknetet und vor-geformt wurde, um Gleichnischarakter zu besitzen. Zettl hat einen großen literarischen Fundus zur Verfügung. Er nennt sich einen Vielleser, einen Kreuz-und-Quer-Vielleser. Feuchtwanger-Lektüre, Brecht, Storm, Kleist, Goethe, Büchner. Die Literatur gibt ihm, dem Kupferstecher, Stoff in Vor-Verdichtung. Es geht um etwas sofort Einleuchtendes beim Kupferstich: eine Arbeit, die für die großen Blätter ein Vierteljahr braucht, muss einen lohnenden Stoff, ein lohnendes Sujet oder Thema haben. Baldwin Zettl brachte es in einem Gespräch mit mir auf die Formel: Die Suche nach dem Lohnenden des Stoffes für den Aufwand des Stechens führen ihn immer wieder zur Literatur. Dabei dimmt er seine Weltsicht nicht herunter und wechselt ins historische Fach, sondern sucht immer nach dem Jetztbezug. Er sucht nach der Ikonografie von heute, ohne in etwas zu fallen, was auf dem Theater Regietheater heißt. Er dreht die alten Geschichten nicht in den Fleischwolf der Gegenwart bis nur noch alte und neue Nazis herauskommen und große und kleine Kapitalisten. Das ist Zettls Gabe: Er hat ein Händchen für die behutsame, manchmal unter vielen Details versteckte Gegenwärtigkeit. Das Maß sind immer die Gesetze von Parabel und Allegorie, die den allgemeinen Punkt brauchen – und der ist zeitlos. Also nah der Ewigkeit. Wie er Ewigkeit und Jetztbezug ausbalanciert, nicht Plakate liefert und keine historischen Bilderbögen, das kann so meisterlich nur Baldwin Zettl. In seiner Bildsprache mit den plastisch hervortretenden Muskelsträngen, den Gliederungen der Figur, die noch Hand- und Fußknochen fälteln, den unendlich variierten Rasterungen nah bei Schongauer und Dürer, in seiner Klarheit und Übersichtlichkeit der Komposition nah an Johannes Wüsten, dem er sich ein Schüler im Geiste nennt.

Ich denke, mein kühner Eingangssatz: Baldwin Zettls Kupferstiche sind eine Begegnung mit der Ewigkeit klingt schon nicht mehr so fremd in Ihren Ohren.

"Titania", Kupferstich, 1998

"Weltende für Jakob van Hoddis", Kupferstich, 2014

"Der Zettel", Kupferstich, 1998

Der Aufwand der Technik des Kupferstichs bringt es mit sich, dass die Impression in dieser Technik nicht zuhause ist. Die Dauer des Arbeitens an einem Blatt gibt dem Künstler viel Zeit zum Nachsinnen zu Thema bzw. zur literarischen Vorlage. Der Kupferstich ist keine Kunstform, die aus dem Bauch kommt (der Bauch ist durchaus ein Kunstort) – aber der Kupferstich, für den jeder Strich, jede Linie bedacht werden müssen, soll die Platte nicht verloren gehen, kommt aus dem Kopf. Zettl selbst nennt den Kupferstich eine NORDISCHE KUNST, eine grüblerische Kunst. Jedem Blatt geht intellektuelle Arbeit voraus, die der Künstler für sich als großes Vergnügen erlebt. Dass das Ganze Unternehmen Kupferstich ein Handwerk ist, dass den Künstler für die Zeit des Arbeitens aus der Welt nimmt, weil es uns kaum noch gegebene Ruhe, Geduld und Gelassenheit braucht, schafft eine Existenz gegen den Zeitgeist. Diese Existenzform: einfacher gesagt: die Fähigkeit zum Ausharren ist – frei nach dem SOMMERNACHTSTRAUM - Zettl's Traum: So er ihn erfüllt, nennt er ihn seinen Zauber. Der Zauber gegen den Strom.


Angesichts dieses unzeitgemäßen Charakters des Kupferstichs stellt sich die große Frage, wer diese Form in die Zukunft der Kunst tragen wird. Ob die Ewigkeit in diesem Sinne dann doch endlich ist, drängt sich als ahnungsvolle Frage auf.


Die einmalige Mischung im Zettl'schen Stil ist das Zusammenfallen von Illustration und Interpretation. Sie können es Blatt für Blatt nachlesen. Ja, ich sagte eben: nach-lesen. Denn der Künstler ist ein Bild-Erzähler und lädt sie zum Lesen ein: Detail für Detail. Und er hat viele: weil er die dramatischen unter den Erzählungen liebt und die Kupferplatten seine Erzähllust oft kaum begrenzen können. Er spricht davon, dass er manchmal glaubt, zu wenig Platz auf der Platte zu haben. Was er zeigen will, bordet fast schon über! - Auch für den Betrachter wird die Eiligkeit aufgehoben, will er den Blättern nichts schuldig bleiben. Dann wird immer noch ein Rest bleiben, der nicht zu Dechiffrieren ist.

Das Wort ILLUSTRATION habe ich schon lange aus meinem Vokabular gestrichen. Zettl sagt: zu Unrecht! So sehr das freie Arbeiten heute modern ist, so sehr ist ihm der Bezug wichtig. So sehr der Bezug wichtig ist, so sehr ist der Kupferstecher Traditionalist. Es ist ja gerade die Tradition, die ihn mit der Ewigkeit verbindet.


Der Kupferstich kennt nur schwarz und weiß. Alle Töne, die Farben gleichkommen, macht er sich selbst akribisch mit bis auf die einzelne Linie abgezählten Bündelungen. Fast scheint es so, als wären die Linien abgezählt. Vielleicht sind sie es sogar. - Die Verdichtungen und Rasterungen schaffen ein reiches Dazwischen. Das ist bei Baldwin Zettl viel: so viel, dass auf dem Schwarz-weißen Blatt Körper entstehen, deren Bäuche oder manchmal fast fleischlose Knochen sinnlich vorstehen. Er weiß Räume zu schaffen, mit ins Unendliche gestaffelter Tiefe, und Himmel mit Sternenkälte.


Ich schaute noch einmal auf Albrecht Dürers Meister-Blatt von 1513 Ritter, Tod und Teufel. Darauf gliedert sich die Landschaft vom Grashalm vorn unter dem Pferdehuf bis zur Burgturm-Spitze in der weiten Ferne. Bildgreifend das Pferd: fühlbar die Falten im Fell an Nacken und Hinterhand, das Zickzack der Adern auf dem Fell. - Ein Pferd in seiner Ewigkeit! - In diesem handwerklichem Glanz leuchten Zettls Blätter von den SIEBEN TODSÜNDEN, das Doppelblatt KINDERSPIELE und METAMORPHOSEN, die WELTVERMESSER. Jedes Blatt auf seine Weise – ein Stück zum ewigen Ausdruck hin angehaltene Welt, so will es mir scheinen.

In diese Ausstellung einbezogen sind zu unserem Betrachter-Glück einige SILBERSTIFT-ZEICHNUNGEN des Künstlers. Sie wirken so weich und schwebend, wie nur der über das grundierte Papier laufende Silberstift es vermag. Aus dem zunächst blass-grauen Strich der runden Silbermine wird bald eine bräunlich-schwarze Linie als Folge der Silberoxydation. Dass sich der Künstler seine Zeichnung hier nicht in die Kupferplatte einritzt, sondern leicht über Papier tanzt, verleiht den Silberstift-Zeichnungen eine ganz andere Anmutung.


Die Weichheit verlangt nach der Landschaft und Zettl gibt sie uns auf seinen Blättern. Auch bei einer Landschaft hat der Künstler die Vielfalt und Zufälligkeit auf dem Weg aufs Blatt zu ordnen. Auch mit dem Silberstift muss jede Linie sitzen, auch bei dieser Art des Zeichnens muss der Künstler wissen, was er will. Wenn wir dies hören, über das Akribische des Handwerks, wissen wir, warum die Silberstift-Zeichnung zu seinem Werk gehört. Staunend blicken wir auf den Steinbruch, die Gleichberge, auf Nebel und Schnee und sehen die Natur in ihrer ganzen Weichheit und Verletzlichkeit und wissen für die Augenblicke des Schauens nichts mehr zu reden. Damit wir die Ewigkeit nicht aufheben.


"Baumgruppe", Silberstiftzeichnung, 2004

Den Satz, den ich zu Beginn meiner Laudatio hier auf Baldwin Zettl gefunden habe: Baldwin Zettls Kupferstiche sind eine Begegnung mit der Ewigkeit!, hoffe ich, nehmen Sie mir jetzt als mein Bekenntnis zur Kunst Zettls ab. Ich möchte hinzufügen, dass die ewigen Stoffe, Sujets und Themen, die Zettl aufs Blatt bringt, etwas besitzen, was zu diesem Gedanken von mir dazugehört: sie besitzen eine staunenswerte Direktheit. Das macht sein Besonderes aus: die Direktheit, die der Strich zuerst auf Kupfer später im Druck auf Papier bei ihm hat. Diese Direktheit seiner Blätter sagt es eigentlich selbst: das Ewige schließt uns ein. Der Künstler meint immer uns!


Mein Glückwunsch zu dieser Ausstellung gilt dem unbestechlichen Kupferstecher Baldwin Zettl!


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Michael Hametner. 

Wir sind zu Dank verpflichtet.

Blick in die Ausstellung am Eröffnungsabend